Wie kann Private Capital in Europa – insbesondere Private Equity, Venture Capital und Infrastruktur-Investments – so mobilisiert werden, dass Wettbewerbsfähigkeit und Umsetzungskraft steigen? Die Antwort liefert diese 20-minütige Video-Keynote (EN) von Dr. Peter Brodehser.
Worum geht es in der Keynote?
Europa bewegt sich in einem Umfeld, in dem die USA und China in vielen Bereichen mit hoher Geschwindigkeit investieren, skalieren und innovieren. Um langfristig mithalten zu können, muss Europa seine Wettbewerbsfähigkeit und Umsetzungskraft stärken – besonders dort, wo Zukunft entsteht: Innovation und Infrastruktur.
Die Keynote von Dr. Peter Brodehser, die zum Auftakt der Konferenz „Private Markets One“ am 2. Februar 2026 in der Frankfurt School of Finance & Management gehalten wurde, liefert dafür einen Denkrahmen: Privates Kapital ist grundsätzlich vorhanden, doch die Aktivierung gelingt in Europa oft zu langsam. Private Capital in Europa – insbesondere Private Equity, Venture Capital und Infrastruktur-Investments – können eine zentrale Rolle spielen.
Entscheidend sind ein Mindset und Rahmenbedingungen, die Tempo, Skalierung und kalkuliertes Risiko ermöglichen.
Warum dieses Thema jetzt relevant ist
Europa diskutiert seit Jahren über Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und strategische Autonomie. Neu ist nicht das Ziel, sondern der Kontext: In einer Welt, in der Technologie, Kapital und geopolitische Interessen enger zusammenwirken, wird wirtschaftliche Stärke zunehmend zur Voraussetzung politischer Handlungsfähigkeit.
Die USA kombinieren einen tiefen Kapitalmarkt mit hoher Risikobereitschaft und industrieller Strategie. China verbindet staatliche Steuerung mit Skalierung, Geschwindigkeit und langfristiger Zielorientierung. Europa ist anders gebaut: stabil, rechtsstaatlich, konsensorientiert – und stark in vielen industriellen Kernkompetenzen. Doch Stabilität ist nicht automatisch Innovation, und Planbarkeit ist nicht automatisch Skalierung.
Die Keynote von Dr. Peter Brodehser setzt genau hier an: Sie ist keine Investment-Empfehlung und kein „Call for more money“. Sie ist ein Plädoyer für einen Rahmen, in dem privates Kapital wieder wirksamer eingesetzt werden kann – in Private Equity, Venture Capital und Infrastruktur.
Der Kern der Keynote: Europa hat ein Aktivierungsproblem
Ein zentraler Gedanke lautet: Europa verfügt über erhebliche Kapitalreserven – privat wie institutionell. Trotzdem gelingt es im Vergleich zu den USA deutlich seltener, dieses Kapital schnell und in ausreichender Breite in zukunftsrelevante Bereiche zu lenken.
Wo die Lücke sichtbar wird
- Venture Capital: zu wenig Gründungen von Technologiefirmen, die international mithalten könnten oder sogar eine technologische Vormachtstellung in der Welt sichern
- Growth / Late Stage: europäische Champions werden oft früh verkauft oder wandern ab
- Infrastruktur: Projekte sind investierbar, aber häufig viel zu langsam in der Genehmigung durch die öffentlichen Stellen
- Transformation: Kapital ist da, aber Rahmenbedingungen (Genehmigungen, Regulierung, Anreize) bremsen
Die Konsequenz: Nicht fehlendes Kapital ist der Engpass, sondern fehlende Investierbarkeit – also Rahmenbedingungen und das betreffende Mindset, die private Investitionen ermöglichen, beschleunigen und planbar machen.
„Stability vs Innovation“: Europas Stärke kann zur Bremse werden
Europa ist „strong by design“. Die Architektur vieler europäischer Institutionen ist darauf ausgelegt, Stabilität zu sichern: Checks and balances, Konsens, Risikovermeidung in öffentlichen Prozessen, hohe regulatorische Standards.
Diese Stabilität ist wertvoll. Sie schafft Vertrauen – auch für langfristige Kapitalbindung. Aber sie bringt eine typische Nebenwirkung: Geschwindigkeit wird zum Engpass. Wo Innovation schnelle Iterationen, Experimentierfreude und Fehlertoleranz benötigt, führt ein stabilitätsgetriebener Prozess oft zu:
- langen Genehmigungs- und Entscheidungswegen
- hoher Komplexität und Koordinationskosten
- geringer Fehlertoleranz (und damit geringer Innovationsdynamik)
- unklaren Verantwortlichkeiten zwischen Ebenen
Der Punkt ist nicht, Stabilität abzuwerten. Der Punkt ist: Stabilität ist das Fundament – Ambition ist eine Entscheidung. Und Ambition braucht ein Umfeld, in dem Investitionen praktisch möglich werden.
Deutschland als Fallstudie: Föderalismus und Umsetzungstempo
Im Vortrag dient Deutschland als konkretes Beispiel dafür, wie strukturelle Faktoren Investitionen ausbremsen können – trotz Kapitalbasis und technologischer Stärke.
Föderale Zuständigkeiten als Skalierungsbremse
Föderalismus schafft Nähe, Vielfalt und Robustheit. Gleichzeitig erschwert er die Skalierung: Zuständigkeiten sind verteilt, Standards heterogen, Verfahren unterschiedlich. Für Investoren und Projektentwickler bedeutet das häufig: mehr Schnittstellen, mehr Abstimmung, mehr Zeit.
Politische Anreize und kurze Zeithorizonte
Viele Transformationsprojekte (z. B. Netzausbau, Energieinfrastruktur, digitale Infrastruktur) wirken erst mittelfristig. Politische Systeme sind dagegen oft kurzfristig getaktet. Das ist kein moralisches Urteil – sondern eine strukturelle Realität. Wenn kurzfristige Anreize dominieren, werden langfristige Projekte schwieriger durchsetzbar, obwohl sie volkswirtschaftlich sinnvoll sind.
„You can’t fund innovation into existence“
Ein prägnanter Satz aus der Keynote: „You can’t fund innovation into existence.“ Mehr Kapital allein erzeugt keine Innovation, wenn das System und das dahinterliegende Mindset sie nicht zulassen. Kapital ist ein Verstärker.
Kapital verstärkt:
- gute Bedingungen (schnelle Prozesse, klare Regeln, stabile Rahmen)
- aber es kann gute Bedingungen nicht ersetzen.
In Europa wird häufig diskutiert, wie viel zusätzliches Kapital mobilisiert werden sollte. Die Keynote dreht die Perspektive: Zuerst müssen Mindset und Rahmenbedingungen („Framework“) stimmen. Erst dann entfaltet Kapital seine Wirkung.
Was „Framework“ konkret heißen kann
- schnellere, verlässlichere Genehmigungsprozesse
- weniger Bürokratie, mehr Ergebnisorientierung
- einheitlichere Standards (auch länderübergreifend)
- klare Verantwortlichkeiten
- Anreize für Risikoübernahme statt nur Risiko-Vermeidung
- bessere Kapitalmarktintegration (weniger Fragmentierung)
Diese Punkte werden maßgeblich durch die Politik beeinflusst – aber ihre Wirkung ist unmittelbar finanziell: Sie entscheiden, ob Investitionsvorhaben schnell genug investierbar werden.
Warum Infrastruktur der Schlüssel ist
Infrastruktur ist ein besonders geeigneter Prüfstein für Europas Fähigkeit, privates Kapital zu mobilisieren. Denn Infrastruktur ist:
- langfristig
- kapitalintensiv
- regulierungsnah
- und gleichzeitig essenziell für Innovation (Energie, Netze, Digitalisierung, Mobilität)
Gerade deshalb ist Infrastruktur auch ein Bereich, in dem Europa seine Stabilität als Vorteil nutzen könnte: langfristige Planbarkeit, verlässliche Cashflows, gesellschaftlicher Nutzen. Aber das funktioniert nur, wenn Projekte strukturiert werden können, ohne dass Umsetzung und Genehmigung Jahre „im Leerlauf“ verbringen.
Was Investierbarkeit in Infrastruktur stärken kann
- Schnelle Genehmigungsdurchläufe
- Standardisierung von Prozessen, Verträgen und Ausschreibungen
- klare Risikoallokation zwischen öffentlichen Stellen und privaten Investoren
- verlässliche regulatorische Leitplanken
- Zeitpläne, die auch in der Realität eingehalten werden können
- Skalierung: Projekte, Portfolios, Plattformen (statt Einzelmaßnahmen)
Das ist kein Plädoyer für „Privat vor Staat“. Es ist ein Plädoyer für komplementäre Rollen: privates Kapital als Ergänzung – dort, wo es sinnvoll ist und wo der Rahmen langfristige Investitionen ermöglicht.
Mindshift: Von Risiko-Vermeidung zu Risiko-Management
Der Vortrag führt zu einer grundlegenden Frage: Wie denkt Europa über Risiko?
Viele Prozesse sind darauf ausgelegt, Risiken zu vermeiden. Innovation erfordert jedoch, Risiken zu erkennen, zu bepreisen und zu managen – nicht sie pauschal auszuschließen.
Ein Mindshift bedeutet nicht „mehr Risiko um jeden Preis“. Ein Mindshift bedeutet:
- Risiken differenziert zu betrachten
- Fehlschläge als Lernprozesse zu akzeptieren (innerhalb klarer Grenzen)
- Umsetzungsgeschwindigkeit als Wettbewerbsfaktor zu verstehen
- die Kosten des Nicht-Handelns ernst zu nehmen
Denn die Gefahr besteht häufig nicht im „zu viel Risiko“, sondern im „zu wenig Umsetzung“.
Fazit
Wenn Europa privates Kapital wirksamer mobilisieren will, beginnt die Arbeit nicht bei der nächsten Finanzierungsrunde, sondern beim Mindset und den Rahmenbedingungen: Risiken managen anstatt ausschließen, Bürokratie abbauen, Verfahren beschleunigen, Märkte integrieren und Risiken so steuern, dass Investitionen möglich werden. Erst dann wird Kapital zum Verstärker – für Innovation, Infrastruktur und Wettbewerbsfähigkeit.
Hier geht es zum Keynote-Video
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